Zeitverschwendung Internet

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Wir schreiben das Jahr 1998.

Mein zwölfjähriges Ich sitzt an seinem Schreibtisch und zeichnet Outfits für eine erträumte eigene Modekollektion angelehnt an die Bühnenoutfits der Spice Girls.

An anderen Tagen nutzte ich meine Freizeit, um Bücher zu lesen oder eigene Geschichten zu schreiben. Um Musik zu hören, zu singen, mir Choreografien auszudenken, eigene Lieder zu schreiben und mir einen Namen für mein erstes Musikalbum zu überlegen.

Ich konnte es kaum erwarten erwachsen zu werden und meine Träume zur Realität werden zu lassen.

Jahr für Jahr verging und irgendwann kam der Tag, an dem meine Geschwister und ich den langersehnten internetfähigen Computer zu Weihnachten geschenkt bekamen.

Das Internet faszinierte mich von Beginn an.

Es bot eine eigene Welt, in der sämtliches Wissen, Medien wie Musik und Filme sowie menschliche Kommunikation jederzeit frei verfügbar waren. Fortan verbrachte ich täglich Stunden im Internet und vernetzte mich mit anderen Nerds.

Wieder in der Gegenwart. Das Internet ist schon lange kein Instrument mehr nur für Nerds, sondern hat Einzug in das alltägliche Leben gefunden. Wer heutzutage nicht online ist, gilt als Sonderling und muss so einige Barrikaden überwinden. Dazu gehört der Zwang zur elektronischen Steuererklärung für Unternehmer und sicherlich auch die wegen Personalabbaus immer länger werdenen Schlagen vor den Informationsschaltern der Deutschen Bahn.

Was mich betrifft, so bin ich heute regelrecht süchtig nach dem Internet.

Sobald ich nichts zu tun habe und alleine bin, klappe ich wahlweise den Laptop auf oder zücke das Smartphone und tauche in die weiten Welten des WWW ab. War ich den ganzen Tag über anderweitig beschäftigt, kann ich es nicht sein lassen, mich vor dem zu Bett gehen noch mit dem Internet zu synchronisieren. Aus Angst etwas im Internet verpassen zu können, klicke ich mich hastig durch meine üblichen Seiten. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass sich im Internet in den letzten 23 Stunden ohne mich nicht allzuviel geändert hat.

Wie sehr das Internet meinen Partner und mich vereinahmt hat, erfuhren wir auch während unserer Wanderung auf dem Jakobsweg, bei der wir möglichst Herbergen ansteuerten, die mit WLAN ausgestattet waren. Ich habe das Internet dort nicht einmal viel genutzt, aber allein die Tatsache, DASS es verfügbar war, bereitete mir ein wohliges Gefühl der Sicherheit.

Heute dagegen habe ich mich wieder einmal den ganzen lieben Tag lang vom Internet berieseln lassen.

Antriebslos starre ich auf den Bildschirm meines Laptops und denke wehleidig an meine PC-lose Kindheit in den Neunzigern zurück.

Ich erinnere mich an mein zwölfjähriges Ich, das es kaum erwarten konnte erwachsen zu werden, um an der Umsetzung seiner Träume arbeiten zu können. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie wüsste, dass sie 2015 fast jede freie Minute mit weitestgehend passiv vor einem aufklappbaren 2kg-Plastikgehäuse mit Bildschirm und Tastatur verbringen würde?

Während ich früher aktiv war und meine Kreativität ausgelebt habe, fällt mir heutzutage kein besserer Zeitvertreib ein, als den Rechner einzuschalten und mich beduseln zu lassen. Wirkliche Hobbies habe ich nicht. In wehleidigen Momenten wie diesem frage ich mich, welche Person ich geworden wäre und welches Leben ich führen würde, wenn ich nicht so viel Zeit im Internet verschwenden würde. Vielleicht hätte ich ein Buch geschrieben? Vielleicht wäre ich Gitarristin in einer Band geworden? Vielleicht hätte ich ein Unternehmen gegründet?

Ich kann mir nicht erklären, warum überhaupt und warum jetzt.

Aber zum ersten Mal möchte ich einen ernsthaften Versuch starten und meine Onlinezeit beschränken.

Die Zeit bis zum Ende des Jahres werde ich nutzen, um ein Experiment durchzuführen. Die genauen Regeln werde ich im folgenden Beitrag beschreiben. Ich erhoffe mir davon, wieder zu erlernen mich vielseitiger zu beschäftigen.

Wie ist es bei euch? Habt ihr auch das Gefühl zu viel Zeit im Internet zu verschwenden? Welche Maßnahmen habt ihr ergriffen, um das zu ändern?


 

5 thoughts on “Zeitverschwendung Internet

  1. Da ist was dran. Ich schaff es kaum das Handy während des Essens in Ruhe zu lassen…
    Es ist unheimlich schwer sich selbst klar zumachen, dass man die ganzen Informationen gar nicht braucht. Früher konnte man, wenn man neugierig war, nur seine Nachbarn fragen, dann musste man sehen, ob einem das Fernsehen was mitteilen konnte, was man noch nicht wusste und jetzt haben wir das Internet.
    Ich finde es auch traurig wie viele kleine Kinder schon an ihrem Nintendo hängen und nichts anderes mehr machen.

    1. Nintendo habe ich als Kind aber auch gern gespielt. Die Spiele boten im Gegensatz zu den heutigen unendlich langen Online-Computerspielen jedoch den Vorteil, dass die Nintendo-Spiele irgendwann zu Ende gespielt waren. Spätestens dann hatte mich das Leben da draußen wieder 😉

  2. Irgendwie habe ich mal einen schönen Spruch gelesen:
    „Das Internet macht die Dummen noch dümmer und die Schlauen noch schlauer.“

    Ich denke mal es kommt ganz darauf an wie man das Internet nutzt: entweder spart man Zeit durch das Internet, oder man verliert zeit indem man sich mit „unnützen“ Dingen beschäftigt. Letzen Endes alles eine Frage der Selbstdisziplin.

    Richtig schlimm empfinde ich die Menschen, die die ganze Zeit auf ihr Smartphone starren.

    1. „Letzten Endes alles eine Frage der Selbstdisziplin.“ Das stimmt natürlich. Wobei man auch erst einmal erkennen muss, dass man sich ständig mit unnützen Dingen im Internet beschäftigt, um sich disziplinieren zu können.

      Mir fällt dazu zum Beispiel ein, dass ich immer gern die Kommentare unter Online-Zeitungsartikel (z.B. Zeit Online) gelesen habe. Dabei geht dafür je nach Brisanz der Themen sehr viel Zeit drauf und eigentlich wiederholen sich die Meinungen nur immer wieder.

      Naja, seit gestern habe ich meinen Selbstversuch in Sachen Disziplin im Internet begonnen und werde berichten :)

  3. Hi Gen,
    smartphone und Internet auf das notwendige reduzieren ist wohl einer der wichtigsten Schritte, die man heute gehen kann. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei und schaue nächste Zeit mal wieder bei dir vorbei um von deinen Erfahrungen zu lesen. Ich selbst nutze mein smartphone nur noch zum Telefonieren, sms schreiben und Hörbuch hören. Der Weg zurück in die ’90er macht an vielen Stellen sehr viel Spaß. Ich persönlich kann Papierkalender sehr empfehlen! Und wer mich kennt, weiß, dass hier kein Verweigerer spricht, sondern einer, der schon sehr digital gelebt hat. Das Ergebnis meines Vergleiches: Es steigert die Lebensqualität das digitale auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren!
    Gruß, Marco

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