Sind wir alle kaufsüchtig?

Ich bin kaufsüchtig. Sagte zumindest meine Mutter all die Jahre, seitdem ich mein eigenes – kleines – Geld verdiente und das ständig in billige Kleidung von H&M und Konsorten eintauschte.

Kaufsüchtig – ich?

Nie im Leben. Kaufsüchtig waren für mich die Menschen, die man in den Fernsehreportagen sah. Die mit drei Bügeleisen, zwei Toastern, sechs Pfannen und zwanzig Töpfen. Kaufsüchtig waren die Menschen, die von den gleichen Gegenständen mehr horten, als man in einem Haushalt nutzen konnte und trotzdem weiter kauften. Menschen, die nicht der Sache wegen, sondern des Kaufens willen kauften!

Ich dagegen kaufte keine unnützen Sachen, die ich nicht brauchte, sondern Mode! Wenn ich mir ein neues T-Shirt kaufte, dann war das nicht einfach das fünfzigste T-Shirt in meinem Kleiderschrank. Sondern ein ganz besonderes Kleidungsstück, das ich zumindest so noch nicht hatte. Und selbst wenn sich unter den Haufen an Kleidung doch ein T-Shirt in dieser Art finden sollte, so war dieses hier doch ganz anders und viel schöner. Kein Vergleich also.

Kaufsucht?

Keineswegs. Also kaufte ich weiter.

Irgendwann – unzählige Käufe, Retouren und Wiederverkäufe bei eBay später – war ich mir nicht mehr so sicher, ob meine Mutter nicht doch recht hatte. War ich kaufsüchtig?

Zugegeben, ich kaufte viel, oft und aus unterschiedlichen Gründen – die zumeist nicht darin lagen, dass ich das Gekaufte jetzt wirklich brauchte.

Aber trotzdem fühlte sich mein Kaufverhalten ganz normal an.

Schließlich war ich umgeben von einer Gesellschaft, in der so viele (die meisten?) Menschen aus emotionalen Gründen einkaufen. Wir kaufen, weil uns langweilig ist oder wir frustriert sind. Aber auch um uns zu belohnen und weil wir so hart dafür gearbeitet haben.

Wir haben bereits alles, was wir brauchen und noch viel mehr. Und dennoch haben wir ständig das Bedürfnis nur noch diese eine Sache kaufen zu müssen, damit unser Leben perfekt ist. Wir kaufen einen Hochleistungsmixer, damit wir uns grüne Smoothies mixen und uns endlich gesund ernähren können. Dann noch die neonfarbenen Laufschuhe von Nike, um uns endlich zum Sport motivieren zu können. Einen Kindle, um endlich wieder zu lesen. Oculus Rift für eine ganz neue Realität.

Ein ganz neues Leben.

Ja, wir kaufen viel. Aber waren wir deshalb kaufsüchtig? Was bedeutete „Kaufsucht“ überhaupt?

Die Kaufsucht ist eine psychische Störung bei Konsumenten, die sich als zwanghaftes, episodisches Kaufen von Waren äußert. wikipedia

Da haben wir es doch. Zwanghaft ist unser Kaufverhalten nichts. Wir müssen nichts kaufen, wir wollen nur. Um uns das zu beweisen, legen wir uns Konsumverzicht-Challenges auf. Einen Monat lang wollen wir nichts kaufen. Oder auch gleich ein ganzes Jahr.

Am fünften Tag jedoch scheitern wir.

Der Preis der Espressomaschine, die wir unbedingt haben wollten, war bei Amazon plötzlich um zehn Prozent gefallen.


2 thoughts on “Sind wir alle kaufsüchtig?

  1. Du sprichst mir absolut aus der Seele mit dem Beitrag, vor allem mit den unzähligen Retouren und Wiederverkäufen im Internet, das kann so nicht weiter gehen!

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