Der Optimierungswahn unserer Gesellschaft

Ich lese gerade ein Buch. Es heisst „Die Perfektionierer: Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert“ und wurde von dem Autor Klaus Werle geschrieben. Ob ich das Buch wirklich empfehlen würde, weiß ich nicht. Mir scheint als wiederhole sich der Autor ständig und verpasse es dabei, tiefer in die Materie einzudringen.

Das Thema allerdings, den Optimierungswahn unserer Gesellschaft, finde ich sehr interessant und beunruhigend zugleich. Daran, dass sich jeder Mensch verbessern will, ist zunächst nichts verkehrt. Dies ist sogar ein menschliches Grundbedürfnis und ein Grundpfeiler der Evolution. Schließlich hat früher derjenige überlebt, der schnell vor Gefahren wegrennen konnte, die besten Nahrungsquellen kannte und sich warm genug kleiden konnte.

Selbstoptimierung ist zur Pflicht geworden

In unserer modernen Industriegesellschaft hängt zwar nicht mehr unser Überleben von unserer Selbstoptimierung ab, aber die Optimierung ist für uns so wichtig geworden, dass sie zum guten Ton gehört. Ein MUST DO sozusagen. Wer nicht versucht sich – und auch seine Kinder – zu optimieren, bekommt oft das Gefühl vermittelt, sich dafür rechtfertigen zu müssen, warum er es nicht tut. Nicht immer kommt dieser Druck derart von außen, dass jemand uns gezielt darauf anspricht, warum wir nicht mehr Fahrrad anstatt Auto fahren oder uns nur vegetarisch und nicht vollkommen vegan ernähren. Oft sind wir es selbst, die das System der Optimierung so sehr verinnerlicht haben, dass wir ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn wir einzelne Aspekte unseres Lebens nicht optimieren. Wenn wir nicht versuchen die beste Version unserer selbst zu sein.

Durch den Optimierungsdruck bilden wir nun eine Gesellschaft, in der eine Masse an Menschen danach strebt, die perfekte Ausbildung, den perfekten Job, die perfekte Freizeitgestaltung, den perfekten Körper, die perfekte Ernährung, die perfekte Wohnung in der perfekten Lage mit der perfekten Einrichtung, einem perfekten Partner und irgendwann den perfekten Kindern zu haben.

Auch Minimalisten sind oft nicht frei von dem Optimierungswahn

Auch vor den Minimalisten, die gerne von sich behaupten sich auf das Wesentliche besinnen zu und mit wenig glücklich leben zu wollen, macht der Optimierungswahn keinen Halt. Durch das Netz kursiert seit Langem die Frage, was einen richtigen Minimalisten denn nun ausmacht? Wie wenige Gegenstände muss ich besitzen, um mich einen Minimalisten nennen zu können? Und nein, es ist auch nicht minimalistisch einzelne Gegenstände auszumisten, um sie durch vermeintlich bessere Alternativen zu ersetzen. Wer seine Tupperboxen aus Plastik wegwirft, um sich stattdessen Glasbehälter anzuschaffen, der minimalisiert nicht, sondern versucht seine Selbstdarstellung zu optimieren. Klar, sieht es auf Bildern in Blog nachhaltiger aus, wenn man die Nudeln und das Müsli im Regal in Glasbehältern präsentieren kann. Wirklich nachhaltig wäre es allerdings gewesen, die ohnehin schon gekauften Plastikboxen bis zu deren Zerbersten weiterzuverwenden.

In meinem Umfeld beobachte ich auch, dass der Trend im Bildungsbürgertum weg von den materiellen Statussymbolen hin zu den immateriellen Statussymbolen geht. Abiturienten wünschen sich zum Abschluss ihrer Schullaufbahn kein Auto mehr, sondern eine Backpacking-Reise nach Australien. Auf Familienfeiern wird nicht mehr mit der neuen Rolex geprahlt, sondern damit, wie man den Kilimandscharo bestiegen hat. Versteht mich nicht falsch. Ich bin ein großer Fan von Erlebnissen und dem Sammeln von Erfahrungen. Dies erfordert aber, dass Erlebnisse auch gelebt und nicht nur konsumiert werden, um anderen davon berichten oder um seine Facebook-Chronik mit möglichst neiderweckenden Fotos bestücken zu können.

Zwar habe ich das Buch von Klaus Werle nicht zu Ende gelesen. Aber ich denke, dass der Optimierungswahn uns schadet, weil durch ihn zu sehr damit beschäftigt sind, den Idealen unseres Zeitgeistes nachzueifern. Der allgegenwärtige Optimierungswahn hält uns davon ab, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und davon zufrieden mit dem zu sein, was wir haben.

Wer profitiert von dem Optimierungswahn?

Wer aber profitiert von dem allgegenwärtigen Optimierungswahn? Zum einen sind es die ganzen Industrien, die uns Dienstleistungen und Konsumgüter verkaufen, die uns Selbstoptimierung versprechen. Dies sind Ratgeber, Coachings, Repetitorien, Nachhilfe, Frühförderung, Fitnessstudio-Mitgliedschaften, Kosmetikartikel, Schönheitsoperationen, Kleidung etc.

Darüber hinaus profitieren natürlich auch unsere (potentiellen) Arbeitgeber von unserer Sucht nach Optimierung. Für den perfekten Lebenslauf ziehen wir unser Studium in Rekordzeit durch, erwerben Softskills und lernen nebenbei noch mehrere Sprachen während unserer Auslandspraktika. Unseren Körper halten wir mit gesunder Ernährung und einem straffen Sportprogramm leistungsfähig. An Durchhaltevermögen für zahlreiche Überstunden mangelt es uns daher nicht. Ganz im Gegenteil, zu Überstunden muss man uns nicht mehr zwingen. In vielen Branchen es gehört inzwischen zum guten Ton unter Angestellten möglichst viel Zeit im Büro zu verbringen. Dies führte soweit, dass die Investmentbank Goldman Sachs ihren Praktikanten inzwischen verbieten musste sogenannte „all nighter“ zu schieben, wie das nächtliche Durcharbeiten im Fachjargon genannt wird.

Wie aber können wir dem Optimierungswahn entkommen? Dies ist ein schwieriges Thema. Schließlich ist der Optimierungsdruck tief in unserer Gesellschaft verankert. Wie zu Beginn bereits angerissen ist die Optimierung ja nicht per se schlecht, sondern sogar notwendig, um Stillstand zu vermeiden. Wichtig ist es allerdings, dass wir uns und unsere Lebensführung immer wieder selbst reflektieren: Sind wirklich wir es, die unser Leben in der Art führen wollen, in der wir es tun? Oder optimieren wir unser Leben – oder zumindest einzelne Aspekte davon – bloß nach gesellschaftlichen Idealen?

3 thoughts on “Der Optimierungswahn unserer Gesellschaft

  1. Sehr schön. Ich halte es da mit Robbie Williams (Candy): „And if it don’t feel good
    What are you doing this for“. Ich optimiere auch gerne, z.B. private Arbeitsabläufe oder eben meinen Besitz, meine Art Dinge zu tun. Weil es Spaß macht. Aber ich versuche auch immer das 20/80 Prinzip dabei zu beachten. 80% schaffst du mit 20% Anstrengung, für die restlichen 20% brauchst du dann 80% Anstrengung. Einen Daumen breit unter Perfekt ist super und bei weitem mehr als gut genug. Super Beitrag, das Buch brauche ich aber kaum noch, dein Artikel hat es (ich bin mir sicher) auf den Punkt gebracht.

  2. Du sprichst mir aus der Seele! Ich habe langsam das Gefühl, dass viele Neu-Minimalisten sich gar nicht richtig auf den Minimalismus als befreienden und entspannten Lebensstil einlassen können, weil sie die ganze Zeit mit Optimieren beschäftigt sind. Das ist fast genauso krank, wie das anhäufen zuvor.
    P.S. Dein Schreibstil ist wirklich klasse, mag ich sehr!

    1. Danke für deinen lieben Kommentar, Kerstin! Zu dem Thema fällt mir ein Youtube-Video ein, in der eine Minimalistin berichtet hat, dass sie all ihre Plastikartikel auf dem Boden ausgebreitet hat und von der Menge so schockiert war, dass sie alle Artikel weggegeben und sich stattdessen Artikel aus Glas gekauft hat. Warum?! Ich finde es ja gut, wenn sich jemand entscheidet nachhaltigere Konsumentscheidungen zu treffen, aber die Plastiksachen waren doch schon da? Kann man die nicht einfach nutzen bis sie kaputt sind?

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